Das Reizvolle ist die Supervision. Ich möchte Entwicklungen managen.
das Interview von Andreas Heindl mit Peter Schwarzenbacher
Peter Schwarzenbacher (45), übernimmt im Mai die Geschäftsführung der ÖVS. Der gebürtige Salzburger lebt in Linz. Er hat in Zell am See die Handelakademie absolviert und in Linz Wirtschaftspädagogik studiert (nicht abgeschlossen). Der diplomierte Erwachsenenbildner (wba) ist seit 20 Jahren Supervisor (Ausbildung am BIfEB in Strobl) und hat Weiterbildungen für systemische Aufstellungsarbeit (Organos) und Qualitätsmanagement (systemcert) absolviert. Er war u. a. Kultur- und Bildungsbeauftragter, Berater in der psychiatrischen Nachsorge und in den letzten 10 Jahren Leiter des „Bildungshaus Betriebsseminar" in Linz.
Peter Schwarzenbacher, wir kennen einander schon seit Jahren und wir haben uns vor dem Gespräch darauf geeinigt uns zu duzen. Peter, Du wirst ab Mai die Geschäfte der ÖVS leiten. Was veranlasst Dich aus Oberösterreich nach Wien zu kommen und diese Stelle anzunehmen?Ich bin seit 1995 ÖVS Mitglied. Ich bin seit über 20 Jahren als Supervisor tätig und habe mich sehr für die Entwicklung der ÖVS interessiert und in verschiedenen Phasen begleiten können, in Oberösterreich und in der Geschäftsstelle, in den verschiedensten Funktionen. Ich mache gerne Verbandsarbeit, Berufspolitik, Servicearbeit und mag inhaltliche Auseinandersetzung.
Und das, was Du in den letzten Jahren gemacht hast, das war ja auch schon in einer ähnlichen Branche, Du hast ein Bildungshaus geleitet ...
Ich war jetzt 10 Jahre der Leiter vom Bildungshaus „Betriebsseminar“ in Linz. Das ist das österreichweite Bildungshaus an der Schnittstelle Kirche und Arbeitswelt und hat Bildungsaufträge gehabt im Bereich der Gesellschaftspolitik, der Arbeitswelt und der christlichen Soziallehre. Auch dort war sehr viel Vernetzungsarbeit, Verbandsarbeit mit Kooperationspartner, mit Trägerorganisationen tägliches Brot. Und es war gleichzeitig auch so etwas wie Geschäftsführung, der offizielle Titel war „Leiter des Betriebsseminars des Bildungshauses“.
Im Zuge Deiner Tätigkeit hast Du eine Auszeichnung zum „Responsible Manager of the Year 2006“ erhalten. Was hat es damit auf sich, wie kommt man zu so einer Auszeichnung?
Na ja, man kommt zu so einer Auszeichnung, in dem man nominiert wird. Funktionäre vom Betriebsseminar und Aktivistinnen aus der katholischen Arbeiterbewegung haben mich vorgeschlagen, für meine Art das Betriebsseminar, das Bildungshaus mit seinen sehr unterschiedlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch sehr schwierige Jahre hindurch gut zu führen – inhaltlich, personell und immer auch wirtschaftlich erfolgreich zu führen. Diesen Preis gab es in verschiedenen Kategorien und ich hatte ihn gekriegt für die Kategorie „Klein- und Mittelunternehmen“.
Und was zeichnet Dich aus. Den Preis kriegt man ja nicht einfach so. Da muss man ja etwas tun. Ich habe gesehen, dass die „nachhaltige und demokratische Beteiligung der Belegschaft während einer Sanierung“ besonders gewürdigt wurde.
Ja, das ist die offizielle Beschreibung von etwas, das ich ein bisschen anders sehe. – Das Betriebsseminar und ähnliche Einrichtungen haben immer schon gut gewirtschaftet, haben wenig Budget zur Verfügung gehabt und sind damit sehr sparsam damit umgegangen. Aber mit der Zeit sind dann immer neue Logiken hinzugekommen, betriebswirtschaftlicher Natur, ökonomischer Natur, die an sich mit Einrichtungen der Erwachsenenbildung und des Gemeinwesens und des Sozialwesens nur schwer verträglich sind. Diese sind auch uns aufgezwungen worden, gegen meinen und unseren Willen. Gleichzeitig habe ich darauf geachtet, dass das nicht Zulasten der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen geht, dass wir ein Betriebsklima und Arbeitsbedingungen erhalten, die weiterhin ein menschenwürdiges Arbeiten ermöglichen und auch ein Wachsen in der Arbeit. Das war ganz bewusst meine Haltung und meine Strategie und die ist mit meinen Mitabeitern und Mitarbeiterinnen auch aufgegangen.
Wo siehst Du die nun besonderen Herausforderungen für Deine Geschäftsführung in der ÖVS?
Die große Herausforderung für die ÖVS ist nach wie vor das weiterhin gute Implementieren der ÖVS und die Beratungskompetenz der Supervisoren und Supervisorinnen, Coaches und Organisationsberater in der österreichischen Gesellschaft, in der Arbeitswelt, in den verschiedenen Bereichen der Arbeitswelt. Ich denke mir, da ist so viel Kompetenz und Know-how da. Das ist immer noch nicht durchgedrungen an alle Ecken und Enden in den verschiedenen Bereichen der Arbeitswelt und da haben wir, meine ich, noch viel zu tun. Und damit auch das Aufrechterhalten und Weiterentwickeln von Qualitätsstandards, – das meine ich nicht als leere Hülse, sondern wirklich – der Supervision angemessene Qualitätsstandards zu entwickeln. Die Ausbildungen haben das ja zu einem großen Teil ja ohnehin schon absolviert, sich darüber zu verständigen. Auf der Seite der Supervisoren und Supervisorinnen sind wir gerade am Anfang diese Dinge einzurichten. Wir sind auf einem guten Weg, dass das der Supervision angemessene Kriterien und Standards und vor allem Vorgehensweisen sind und nicht von außen aus technokratischer Sicht übergestülpt wird. Der Supervision angemessen heißt für mich, auf einer Beziehungsebene angesiedelt, weil Supervisionsarbeit ja auch immer Beziehungsarbeit ist, die sich an Entwicklung und nicht am Festschreiben eines Ist-Standes orientiert und es ist auch ein kollegiales Verfahren auf gleicher Augenhöhe. Das ist das Eine: Supervision in der Gesellschaft und Qualitätsstandards. Das Andere ist eindeutig: Servicepolitik und Serviceangebot für Mitglieder, für Interessierte, für interessierte Öffentlichkeit bis hin zu meiner Unterstützung für die Gremien. Funktionäre in den Gremien arbeiten ja weitestgehend ehrenamtlich und das imponiert mir sehr. Ich möchte mit der Geschäftstelle, zu der ja wesentlich Frau Kuba gehört, ein guter Zuarbeiter und eine professionelle Servicestelle nach innen wie nach außen sein.
Wenn man jetzt im Jahr 2010 als Supervisor arbeitet ist man ein gewisses Erscheinungsbild gewöhnt. Was wird den für die Mitglieder der ÖVS in 5 Jahren anders sein, wenn sie die ÖVS ansehen?
Vielleicht oder Idealerweise ein geschärftes Verständnis in Bezug auf die Unterschiede von Supervision, Coaching und Organisationsberatung. Da tut uns die Diskussion um Coaching als Spezialfall der Supervision und jetzt die Diskussion auch um Organisationsberatung gut.
Über das hinaus?
Über das hinaus wünsche ich mir, dass Verantwortliche in Personalabteilungen, in der öffentlichen Verwaltung, im Sozialbereich, aber auch in der Kultur, in privatwirtschaftlichen Unternehmen oder auch im Medienbereich direkter wissen, dass man sich an die ÖVS wenden kann, wenn man auf der Suche nach jemandem ist, der einem in beruflichen Belangen und Problemen helfen kann. Das erlebe ich immer wieder, dass das nicht bekannt ist. Man weiß, dass es etwas gibt, aber wie das heißt, „Supervision“, dass es einen Berufsverband gibt, an den man sich wenden kann und das es regional Teams gibt, das ist noch sehr unbekannt. Und, auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, dass wir einen guten Weg gefunden haben eine Sicherung der Qualitätsstandards bei den Supervisioren und Supervisorinnen. Ich hätte auch gerne, dass die ÖVS im Internationalen Verbund eine große Rolle spielt – über die ANSE – und dass wir jene Länder unterstützen, die dabei sind eine Supervisionsszene aufzubauen.
Was ist für Dich das Reizvolle an dieser Funktion der Geschäftsführung der ÖVS?
Das Reizvolle ist die Supervision. Die Geschäftsführung ist das notwendige Vehikel dazu. Ich bin sehr gerne mit einer großer Überzeugung und mit Enthusiasmus Erwachsenenbildner und genauso gern und mit Identität und mit Engagement Supervisor. Und insofern ist es eine Idealkonstellation, dass genau zu diesem Zeitpunkt diese Stelle ausgeschrieben war. Und maßgeblich gestalten kann man nur in der Geschäftsführung.
Das heißt, du wirst auch weiterhin als Erwachsenenbildner und Supervisor tätig sein.
Ja, genau. Ich arbeite 25 Stunden in der ÖVS. Und den anderen Teil, den bestreite ich – das habe ich immer gemacht – als Supervisor und Erwachsenenbildner in freier Praxis. Aber noch einmal zurück, was mich bewogen hat diese Stelle zu übernehmen, was mich daran reizt: Abgesehen davon, dass ich gerne Verbandsarbeit mache und für ein gutes Service stehe, freue ich mich einfach auf die verstärkte inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema Supervision. Auch wenn das im Supervisionsprozess nicht im Vordergrund steht, interessiert mich die gesellschaftspolitische, die gesellschaftliche Relevanz von Supervision insgesamt, überhaupt die Entwicklung von Arbeit, wohin geht Arbeit und die Arbeitswelt und was heißt das für die Arbeitenden und für die Organisationen, die die Arbeitswelt abbilden, mit ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, und was hat das für Auswirkungen auf uns in der Supervision. Und da bin ich bei dem Thema Arbeitswelt, das mich eigentlich seit meiner Kindheit beschäftigt.
Wie wird sich die Supervision ändern, angesichts der Veränderungen, die momentan in der Arbeitswelt passieren?
Also ganz klar ist Supervision ein Rahmen, in dem man sich selber Orientierung schaffen kann. In der Regel wird alles schneller, komplexer – nicht überall – und es gilt in der Supervision einen Raum zu eröffnen, der den Leuten Zeit, Hilfestellung und Veranlassung schaffen kann, über das, was passiert in der Arbeitswelt, zu reflektieren. Und daraus Handlungsalternativen zu erarbeiten. Da sind wir beim Urgrund der Supervision. Aber das wird umso wichtiger, je weniger Arbeit an sich eine Laufbahn und eine Lebensplanung vorgibt oder bereitstellt, so wie sie es lange Zeit gemacht hat. Was ich, abgesehen davon, ganz vermisse, ist Gruppensupervision, klassische Gruppensupervision, wo es um fachliche Weiterentwicklung geht. Wir haben in unserer Ausbildung eine abgewandelte Form der Balint-Methode gelernt und das halte ich nach wie vor für das absolut probateste Mittel in vielen sozialen und helfenden Feldern. Um sich erstens fachlich auszutauschen, sich zu vergewissern und weiter zu entwickeln.
Wie wirst Du von den Leuten, mit denen Du arbeitest wahrgenommen. Was kann jemand, mit dem zu zusammenarbeitest von Dir erwarten?
Die grundsätzliche Bereitschaft zuzuhören, zu erfahren und zu erfassen, worum es geht und zu klären, was ich anbieten kann oder an wen man sich wenden kann. Wir als Geschäftsstelle sind für Mitglieder und für eine interessierte Öffentlichkeit da, dass wir Auskunft geben, Unterstützung geben, Rat einholen und Hilfestellung bieten. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Betriebsseminar haben zu mir gesagt, dass man unter meiner Führung und durch meine Begleitung gut wachsen kann in der Arbeit, dass man viel lernt und dass man auch geschützt ist. Ich nehme Leitung gerne wahr, und es geht bei mir eher um das Gesamte und um die Entwicklung und nicht so sehr um das einzelne Detail, ob da jetzt etwas komplett richtig war oder nicht. Das Wichtige ist immer das Gesamtziel, worum es geht und dass alle Beteiligten sich entfalten können und entwickeln können. Und das gilt für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, das gilt für Funktionäre und Funktionärinnen, das gilt für Anfragen von Mitgliedern und Interessenten. Ich möchte die Entwicklung der ÖVS mit all seinen vielfältigen Teilen begleiten und managen, in diesem Sinn. Also, da passt das Wort sogar sehr gut: Entwicklung managen. Das heißt fördern, auch begrenzen, wo ich mir denke, das geht jetzt nicht oder das schaffen wir so jetzt nicht. Einfach managen. Auch in Krisenzeiten mit Ausdauer. Und das wird mir zurückgemeldet, dass ich das durchaus kann.
Was machst Du, wenn Du nicht arbeitest?
Viel zu viel und viel zu wenig das Wesentliche. Und wenn ich ehrlich bin, wäre das Wesentliche – und das mache ich auch immer wieder gerne – Garten, Wiesen, Feld, Acker, Waldarbeit. Das ist noch der bessere Ausgleich als Wandern oder Bergsteigen für mich. Weil man sofort in einer ganz anderen Welt ist und ganz anders gefordert ist in der Konzentration. Beim Bergsteigen und beim Wandern bearbeite ich trotzdem immer die Dinge aus der Stadt und aus der Arbeit. Wenn ich dabei bin beim Baum-Umschneiden oder beim Erdäpfelacker-Graben oder beim Wiesen-Mähen mit dem Motormäher, geht das nicht. Da ist man ganz anders gefordert. Und das taugt mir sehr. - Das tue ich zu wenig. Ich habe aber die Möglichkeit dazu im Freundeskreis im Mühlviertel und auch in meinem Garten in Linz. Ich habe jetzt wieder angefangen Harfenunterricht zu nehmen, klassische Harfe. Und, ja, Ö1 hören und Opern hören, live oder via Radio. Nicht so sehr schauen, sondern eher mehr hören. Freunde treffen, Freundinnen treffen. Und ich bin kirchlich engagiert – ehrenamtlich – in verschiedensten Kreisen. Nicht nur kirchlich, auch in sozialen Einrichtungen.
Was wird das Erste sein, wenn Du Anfang Mai die Geschäftsführung übernimmst? Was ist der erste Akt in Deiner Funktion?
Mich mit Frau Kuba und der neuen Mitarbeiterin, Frau Klenner, zusammensetzen, einmal durchatmen und dort weiterarbeiten, wo wir - nach einer über zweimonatigen Einarbeitung mit Ingrid Walther - Ende April aufgehört haben. Anfang Mai sind dann drei Dinge wichtig. Das eine ist, wir haben im Oktober Generalversammlung und da wird ein neuer Vorstand gewählt. Mehrere Vorstandsmitglieder treten zurück. Das heißt, da gehört sehr intensiv nach Interessenten und Interessentinnen für Vorstandsfunktionen gesucht. Insbesondere für Interessentinnen. Ich halte das für ganz maßgeblich, dass in unserem Feld, wo so viele Frauen professionell arbeiten, Frauen auch gut vertreten sind. Da gilt es schon im Mai anzufangen die Generalversammlung vorzubereiten. Dann erste verbindliche Schritte einzuleiten, damit wir in der Generalversammlung in Bezug auf das Qualitätssicherungssystem zu einer Entscheidung kommen können. Und ich werde alles daran setzen, dass es kein Absacken gibt in der Dienstleistungsqualität der Geschäftsstelle – und das reicht auch schon. Da werden wir alle Energien hineinlegen, dass wir den Level, den Ingrid Walther aufgebaut hat, halten können. Also: Generalversammlung und neuer Vorstand, Qualität in der ÖVS und das Werden als Geschäftsstellenteam und das Halten der Servicequalität. Und dann können wir alle am Ende des Jahres anstoßen, wenn uns das halbwegs gelungen ist. Und davon gehe ich aus.
Herzlichen Dank für das Gespräch.